Wochenschau #1: Freundschaft als Admin-Job und der digitale Heiligenschein
Ich habe eine Weile überlegt, welches Format hier eigentlich das Richtige ist. Ein langer Essay? Eine Fotostrecke? Eine Kolumne a lá Carry Bradshaw über Popkultur? Am Ende siegte die Sehnsucht nach Struktur. Also: Startschuss für die Wochenschau. Dinge, die mich bewegt haben. Dinge, die ich gedacht, gekocht, gelesen und gesehen habe.
Die "Catch-Up-Krise"
Ich befinde mich in einer Art Mikro-Krise. Ich nenne sie die "Catch-Up-Krise". Auslöser waren diese wiederkehrenden Sätze in meinen WhatsApp-Chats: "Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen!" oder "Wir haben uns so lange nicht gesehen!". Jeder dieser Sätze verfrachtet ein kleines, feines schlechtes Gewissen direkt in meine Bauchgegend.
Es fing harmlos an, doch mittlerweile fühlt sich manch ein freundschaftlicher „Catch-up“ an wie ein Vorstellungsgespräch bei den eigenen Freund*innen. Wir hetzen von Termin zu Termin, fragen brav „Wie läuft’s im Job?“, „Was macht die Beziehung?“, „Und sonst so?“, buchen uns für eine Stunde Intensiv-Austausch ein und rauschen weiter zum nächsten Punkt auf der Agenda.
Meine These: Ich habe meine Freundschaften teilweise in Admin-Arbeit verwandelt, und das gefällt mir gar nicht. Seit wann muss ich Protokoll führen, um mich verbunden zu fühlen? Ich behaupte: Das hochfrequente Update ist der Feind der echten Nähe. Ich möchte aufhören, meine Freund*innen zu interviewen, und wieder anfangen, einfach nur da zu sein. Auch wenn es unangenehm schweigsam wird.

Was ich wieder machen möchte:
- Zocken (Animal Crossing, Sims und co., ihr findet mich hinter zugezogenen Vorhängen, den ganzen Sonntag lang)
- Neue Sachen ausprobieren (Sportkurse, Nähen, Basteln, wirklich dumme Dingen tun, neue Orte entdecken...)
- Sleepover (!!), weil was gibt es schöneres als nach einem Serienmarathon nicht noch nach Hause gehen zu müssen?
Chronically Offline: Der neueste Schrei (online)
Was mich diese Woche gleichermaßen fasziniert wie genervt hat, ist der nun schon länger waltende und durchaus absurde Trend zur "Analog-Ästhetik". Man ist jetzt "analog", "chronisch offline", nutzt ein "Dump Phone" ohne "Bildschirmzeit" und feiert sich selbst für seine "offline Hobbys".
Was mich daran stört: Leute, die beruflich besonders viel online sind (Content Creatorinnen, Podcasterinnen, Influencer*innen), machen jetzt online Content darüber, dass man nicht mehr online sein sollte. Checkt ihr? Ich checke nämlich gar nichts.
Ich mag online sein. Ich mag das Internet und ich mag es manchmal, in Reels zu versinken und meinen Kopf auf Durchzug zu schalten. Ich glaube schon, dass ein bisschen Selbstdisziplin noch niemandem geschadet hat. Aber ein, zwei, drei witzige Videos und coole Rezepte eigentlich auch nicht. Bitte, lasst mir den Spaß, ich halte auch meine mir selbst erlegte Bildschirmzeit ein, versprochen.
(Hier ein cooles Rezept, dass ich dank Instagram viel gekocht habe und ein Insta-Account der mich immer wieder erneut zum Lachen gebracht hat, und jetzt sagt bitte nochmal das Internet bringt einem nichts)
Die Widersprüche des Verzichts
Zudem ist diese Analog-Ästhetik selten zu Ende gedacht. Sie ist, Überraschung, konsumorientiert. Um das Handy zu ersetzen, muss man sich erst einmal ganz viel Zeug kaufen. Gerade war noch Minimalismus à la Marie Kondo angesagt, jetzt soll man sich wieder mit Ästhetik-Objekten zuramschen und bekommt im Minuten-Takt Mitteilungen auf kleinanzeigen für neue Vintage Fundstücke (+19 Objekte in "Space Age").
Es ist eine Performance, irgendwo zwischen "Gossip Girl" Nostalgie und 2016 Throwback-Posts. Wir romantisieren die Nullerjahre, als hätte sich diesen ganzen Kram damals jeder leisten können. Dabei waren auch das Statussymbole, und wer nicht mithalten konnte, wurde beschämt. Heute kaufen wir uns für 300 Euro Dua Lipas Point-and-Shoot-Digitalkamera nach, um genau die verwaschenen Fotos zu machen, die wir 2005 versucht haben zu vermeiden. Es ist Post-Ironie pur: Wir simulieren den analogen Verzicht, um ihn dann maximal ästhetisiert auf Instagram zu teilen.

Ich jedenfalls mache jetzt den Laptop zu und gebe euch noch ein paar nicht analoge Dinge mit auf den Weg, die ich diese Woche klickenswert fand.
Was ich sonst noch mochte
- Musik: "4 Stages of Sleep" von Josie Miller hat mich im übertragenen Sinne durch 4 Stages of Feelings getragen.
- Gesehen: "Coach Carter" ist ein bewegender Film über einen Basketball Coach, der sein Team durch neue Methoden an die Spitze bringen will. Klingt erstmal etwas langweilig ist aber so heilsam und schön gefilmt, dass man ohne Probleme dran bleibt. (gibt's bei Joyn)
- Gedacht: Dass man Dinge manchmal auch einfach tun sollte, ohne sie für die Ewigkeit zu bewerten.
- Gescrollt: Habe ich in den tiefen des Ozeans. Nämlich auf der Website "The Deep Sea". Hier könnt ihr klimometerweit in die tiefe scrollen und mehr über die Lebewesen der Unterwasserwelt erfahren.
Mit freundlichen (analogen) Grüßen
Juliane