Die Wochenschau, die die Mythen des Sommers entlarvt

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Die Wochenschau, die die Mythen des Sommers entlarvt

Seit im April zum ersten Mal die 20 Grad geknackt wurden, überlege ich bei jedem zweiten Kaffee, ob ich ihn nicht lieber auf Eis trinken sollte. Es ist schließlich Sommer. Nach dem Mittagessen noch schnell zur Lieblingseisdiele? Ist ja Sommer. Nach Feierabend nochmal raus, in irgendeine Bar oder in den Park? Wer weiß, wann man das wieder kann, jetzt ist ja Sommer.

Eiskaffee trinken, in einer mittelmäßig guten Eisdiele viel zu lange in der Schlange stehen, lauwarmes Bier auf dem Bordstein sitzend trinken. Das sind nur ein paar Dinge, von denen ich denke, dass ich sie mal wieder machen müsste. Weil es ist ja Sommer. Sie reihen sich ein in eine lange Liste: ein Tretboot mieten, wandern gehen, Urlaub buchen, an den Strand fahren, Grillabende im Park, ins Freibad gehen, früh morgens laufen gehen, jeden Abend Weißwein trinken. All diese Dinge könnte man das ganze Jahr über tun, doch im Sommer sind sie angeblich besonders gut. Vielleicht sollte man sie sogar tun. Weil das ja alle anderen auch machen. Im Sommer wird gelebt.

Man wartet das ganze Jahr auf diese Zeit: wenn die ersten überdimensionalen Erdbeeren an der Straße stehen , der Duft von frisch gemähtem Rasen durch die Straßen zieht und die Sonne endlich so warm ist, dass man das Haus ohne Jacke verlassen kann. Der Sommer hat es irgendwie geschafft, sich neben all den anderen Jahreszeiten einen regelrechten Legendenstatus zu ergaunern. Dabei bietet er oft vor allem Enttäuschungen und überbewertete Aktivitäten, die man oft nur macht, weil man denkt, man müsste sie mal wieder machen.

Hier eine kleine, aber feine Liste von Sommerdingen, die eigentlich gar nicht so krass sind:

Grillen im Park
Die Vision: weiße Picknickdecken, gemütliche Kissen, ein, zwei Leute bringen leckere Salate mit, dazu gutes Brot und Kräuterbutter. Man sitzt vor seinem kleinen Mini-Grill und grillt entspannt an einem lauen Sommerabend zwischen Bäumen und Blumen in einem lauschigen Park.

Die Realität: Die lauwarme Weinflasche kippt garantiert mindestens einmal um, entweder, weil der Boden im Park natürlich uneben ist, oder wegen des tollpatschigen Fußes oder Ellenbogens eines Freundes. Der edle 4-Euro-Tropfen vom Rewe wird stilecht aus Pappbechern getrunken. Es gibt immer zu viel Meggle-Kräuterbaguette, zu wenig Dip, zu wenig Salat und meistens eine Packung Würstchen zu viel. Ein einsamer Mozzarella beginnt in der Sonne ein Eigenleben, und die mitgebrachten Teller und das Besteck versauen spätestens auf dem Heimweg den Jutebeutel. Auf der Wiese tummeln sich Käfer, irgendwo liegt ein Hundehaufen oder Entenscheiße, und die Großfamilie nebenan qualmt mit ihrem mitgebrachten Holzkohlegrill bei jeder Winddrehung zuverlässig die gesamte Gruppe ein. Ich glaube, Parkanlagen sind im Sommer in den seltensten Fällen für gesellige Nahrungsaufnahme geeignet.

Der achtsame Morgen
Im Sommer geht die Sonne bekanntlich früher auf. Schon gegen 5 Uhr blitzen in meine Hamburger Wohnung die ersten Lichtstrahlen. Diese frühen Morgenstunden wecken in mir das Bedürfnis, den Tag voll auszukosten. Ich will raus, unter Leute, ans Wasser, an den See oder ans Meer. Vor allem will ich diese ruhigen und gleichzeitig schon belebten Stunden erleben.

In der Realität sieht es dann oft so aus: Ich kippe meinen eigentlich noch viel zu heißen Kaffee viel zu schnell herunter, weil ich viel zu lange bei offenem Fenster in die Sonne gestarrt einem Leben ohne Vollzeitjob und Termine nachgehangen habe. Denn eigentlich wollte ich spätestens um 8 Uhr im Büro sein. Klappt dann meistens doch nicht und der Frust wird nur größer, wenn man schon wieder einen Sommertag im überhitzten Großraumbüro verbringen muss (was übrigens sehr viele Menschen tun, der Gedanke hilft vielleicht ein bisschen).

Urlaub, Urlaub in Italien
Sommerzeit ist Urlaubszeit. Diese Illusion wurde mir als Kind glücklicherweise früh genommen. Mit einem Landwirt als Vater bedeutete der Sommer vor allem eines: Arbeit. Zumindest für meine Eltern. Für Urlaub blieb keine Zeit. Versteht mich nicht falsch, wir hatten tolle Urlaube. Nur eben nicht im Sommer. Ich bin es also gewohnt, die wärmeren Monate zu Hause zu verbringen und fand das eigentlich auch immer sehr schön.

Im Sommer wächst bei vielen Menschen (und ja, mittlerweile auch bei mir) das Bedürfnis, dem Alltag zu entfliehen und das Leben zu leben oder zumindest dem südeuropäischen Lebensstil hinterherzujagen: Siesta, Pasta, Apéro, lange laue Nächte auf einer Piazza, dazu der Blick in die Ferne und Gedanken, die einfach treiben dürfen. In der Realität hat man aber nur etwa 30 Urlaubstage, die sich nicht komplett auf sechs bis acht Wochen Sommer verteilen lassen. Und man hat auch Kolleg*innen, die ebenfalls gerne mit Pizza in der einen und einem Tinto de Verano in der anderen Hand an irgendeinem italienischen Brunnen sitzen würden. Da kann man froh sein, wenn man acht bis zehn Tage Turbo-Entspannung unterbringt, vorausgesetzt, der Kontostand spielt mit.

Ach ja, der Sommer. Ich würde sagen, er gehört zu den liebsten Illusionen des Menschen. Irgendwann, an einem klebrigen, zu warmen Tag im August, kippt die Stimmung dann plötzlich doch. Man sehnt sich nach Tee statt Eiskaffee, nach fröstelnden Füßen und grauem Himmel und einfach mal wieder nach einem Grund, schlecht gelaunt zu sein und sich in der Wohnung zu verkriechen. Der Sommer verliert seine Leichtigkeit und wird fast unangenehm. Zu nah, zu viel. Und während man das merkt, ist da schon dieses leise Gefühl, dass er sich langsam verabschiedet und einen irgendwie leer zurücklässt.

Darum mein Appell an euch: Es ist okay, den Sommer auch einfach mal Sommer sein zu lassen. Genauso wie wir den Winter Winter und den Herbst Herbst sein lassen können.

Falls ihr doch noch Lust auf ein kleines Sommerloch habt, teile ich hier kurz ein paar Entdeckungen aus dem WWW, die euch garantiert daran erinnern, dass es da draußen noch mehr gibt als die Frage, in welcher Bar ihr heute Abend den nächsten Aperol trinkt.

Gesehen: Ich war ein Fernsehkind (zumindest wenn meine Eltern es nicht mitbekommen haben) und vor allem im Sommer, wenn alle irgendwie im Urlaub oder beschäftigt waren, habe ich MTV, Viva, Nickelodeon und Co. rauf und runter gezappt. Eine meiner Highlightserien damals war ganz klar: My Super Sweet 16 auf MTV. Ich bin vor kurzem mal wieder abgetaucht und fand es immer noch extrem unterhaltsam!

Gekocht habe ich vor kurzem mal wieder diesen sommerlichen Kartoffelsalat der garantiert auch bei jedem Picknick (oder wiederwilligen Grillen im Park) ein Banger ist.

Gelesen habe ich gerade dieses Buch, welches NICHTS mit "Dem Café am Rande der Welt" zu tun hat! Es handelt sich um eine super bewegende und spannende Lebensgeschichte einer neuseeländischen Buchhändlerin. Wirklich fesselnd und ein richtig schöner easy read.

Habt's ganz schön und wenn ihr Fans von Grillen im Park seid: Ich hoffe ihr habt euch nicht angegriffen gefühlt. Ich mag euch trotzdem und vielleicht mag ich mit euch auch Grillen im Park weil ihr es besser macht.

Mit freundlichen doch etwas sommerlichen Grüßen

Juliane <3

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