Eine okaye Wochenschau
Während ich das hier schreibe, fühle ich mich okay. Fast hätte ich "nur" okay geschrieben. Dann bin ich ins Stocken geraten weil warum ist okay "nur" okay? Eigentlich ist okay doch voll okay, oder? Wie wäre das Leben, wenn wir uns immer nur gut und schlecht fühlen würden?
Ich glaube das wäre eine mittelschwere Kathasprophe nicht nur für uns persönlich, sondern für das ganze System. Stellt euch vor, ihr kauft am Morgen eure Brötchen bei einer überglücklichen Fachverkäuferin und fünf Minuten später weint euch der Barista eine Träne in den Kaffee oder die Busfahrerin schreit euch an, weil ihr hinten und nicht vorne in den Bus eingestiegen seid. Stellt euch vor, es gäbe kein Mittelmaß. Dann wären Gerichte entweder super lecker oder ungenießbar, der Himmel wolkenlos oder grau behangen. Ich glaube, ihr checkt wo ich herkomme.
Mir geht es gerade auf jeden Fall okay. Meine letzten Tage und Wochen, vielleicht sogar auch Monate waren so durchwachsen, dass ich fast vergessen habe wie es ist, sich entweder gut oder schlecht zu fühlen. Denn ich hänge irgendwo dazwischen immer mit dem Hang zum einen oder anderen Extrem. Das liegt vielleicht daran, dass mein Teller immer viel zu voll ist, mein Kopf regelmäßig droht zu explodieren und mein Nervensystem an einem Faden hängt der dünner ist als jedes Spinnennetz. Kurz und in Gen Z gesagt: Major Lebenskrise.
Aber gerade geht's, denn ich sitze im Zug. Es ist eine dieser langen Zugfahrten und draußen geht die Sonne unter. Die Landschaft ist schön und es ist ganz friedlich draußen. Es fühlt sich ein bisschen so an als würden all meine vermeintlichen Probleme und Sorgen an mir vorbeiziehen, als könnten sie mir hier drin nichts anhaben. Es ist eine dieser Zugfahrten, auf denen ich mich eigentlich gar nicht groß beschallen lassen will, ich will einfach fahren und vielleicht ein bisschen denken, dass alles eigentlich halb so wild ist. ÜBERLEITUNG! Denn ich habe eine Playlist erstellt. Eine Playlist mit "Songs to make me feel okay again". Also falls ihr euch gerade nicht gut, nicht okay oder auch nur ansatzweise okay fühlt, dann ist das hier vielleicht ein guter Begleiter für euch.
Um mich okay zu fühlen schaue ich nicht nur gerne aus dem Fenster, sondern auch auf Bildschirme. Natürlich nur ausgewählte Inhalte. Legt das Handy weg, verdammt nochmal. Schaut lieber Serien, die den Kopf ausschalten. Die ZDF-Serie "Das Manko" zum Beispiel. Vier Folgen, die man an einem Abend ganz fantastisch durchschauen kann.

Einer der Gründe, warum ich mich oft nicht okay fühle ist, um hier mal ganz ehrlich zu sein, mein Körper. Ich will hier gar nicht in die Tiefe gehen, aber sagen wir es mal so: Bewegung, Essen und Körpergefühl haben einen enormen Einfluss darauf ob, ich einen guten, einen schlechten oder einen okayen Tag habe. Ich glaube, damit bin ich (vor allem als Flinta-Person) nicht allein. Wenn ich mich gut fühle, könnte ich die Welt bewegen, wenn ich mich schlecht fühle, würde ich am liebsten im Erdboden versinken.
Oftmals hilft mir dann Sport mich aus diesem selbstgebuddelten Loch wieder raus zu holen. Doch neulich saß ich auf einem Fahrrad in einem dunklen Raum mit 30 anderen Menschen. Direkt vor mir der Po einer mir fremden Person, davor eine riesige Spiegelfront. Rechts und links zwei gigantische Musik-Boxen aus denen viel zu laut irgendein schlechter Techno-Beat lief und zwischen denen auf einem Podest sitzend eine weitere mir fremde Person in ihr Mikrofon schrie: "AND REMEMBER WHY YOU'RE DOING ALL THIS!" Und da dachte ich mir, während mir die Schweißperlen vom Körper ronnen: Ja, warum mache ich das hier eigentlich? Versteht mich nicht falsch und fühlt euch bitte nicht angegriffen wenn ihr Cycling-Klassen als eure Sportart entdeckt habt, aber für mich war diese Sportstunde wirklich das beste Beispiel dafür Sport zu treiben um meinen Körper in eine gewisse Form zu bringen um mich der Gesellschaft anzupassen. Ich wollte Fett verbrennen, Muskeln aufbauen, mich ans Äußerste bringen und das möglichst schnell und effizient. Spaß hatte ich dabei vielleicht fünf Minuten, als der Beat kurz ruhiger und die Bewegungen auf dem Rad mit den Hanteln etwas kontrollierter wurden.






Sporty Spice
Sport war (und ist teilweise) für mich gleichgesetzt mit einer Optimierung, mit einem "all or nothing", ganz oder gar nicht. Dabei ist doch aber jegliche Art von Bewegung gut für den Körper. Es gibt so viele Gründe den Körper zu bewegen, so viele Funktionen die er dank sportlicher Aktivität problemlos ausführen kann. Als ich neulich einen recht schweren Einkauf nach Hause und in meine Wohnung im vierten Stock trug kam mir dieser Gedanke: Ah, das kann ich machen, weil ich eben ab und an im Gym Gewichte hebe oder beim Yoga Liegestütze und Handstand übe oder gerne nach der Arbeit eine Runde Laufen gehe. Tatsächlich habe ich an dem Abend noch diese Liste geschrieben mit Gründen den Körper zu bewegen die nichts damit zu tun haben ihn zu verändern:
- Steifheit (bin ehrlich, der Begriff "Thightness" trifft es hier glaube ich besser auch wenn es in der Theorie das gleiche ist): Sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, muss nicht immer bedeuten, dass man stärker wird. Manchmal bedeutet es einfach, die Schultern zu massieren, den Körper zu dehnen und verspannte Stellen sanft zu lockern.
- Eine neue Sache lernen: Eine neue Trainingsübung, eine neue Herausforderung oder einen neuen Trick lernen bringt so viel Spaß! Dabei bewegt man den Körper und strengt das Gehirn an! Ich schaffe das momentan ganz gut beim Bouldern.
- Geselligkeit: Anstatt nur im Sitzen zusammenzusitzen kann man mit anderen Menschen auch ganz fantastisch gemeinsam Squash spielen, wandern, klettern, Badminton, Frisbee werfen oder laufen. Unterhalten kann man sich dabei meiner Ansicht nach manchmal fast noch besser als vor der dritten Tasse Kaffee des Tages.
- Schmerzen lindern: Physiotherapie bedeutet Bewegung! Das habe ich mal von einem bekannten Physiotherapeuten gelernt. Fast jede körperliche Beschwerde kann man mit Bewegung lösen. Es ist doch eigentlich so cool, Zeit damit zu verbringen, seltsame kleine Muskeln zu stärken (zum Beispiel die Finger, die Zehen oder sogar die Augen)
- Unruhe: Bewegung kann so einfach und zweckmäßig sein wie der bloße Energieverbrauch. Wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat oder gereist ist und sich unruhig fühlt, dann tut es manchmal gut auch einfach nur 2 km die Straße hochzurennen, zu Musik zu tanzen (macht das echt mal, das tut sau gut) oder Hampelmänner zu machen. Danach fühle ich mich oft viel mehr im Zen.
- Entspannung: Mir fällt es oft schwer meinem Körper zu signalisieren, dass es Zeit fürs Bett ist. Meistens bin ich voller Energie, bis ich bereit bin, schlafen zu gehen. Ich glaube langsame Bewegungen, gedimmtes Licht und entspannte Musik zeigen dem Körper, dass es Zeit ist, zur Ruhe zu kommen. Kleiner Reminder an mich selbst an dieser Stelle das auch mal öfter zu machen.
- Entdecken: Eine neue Gegend erkunden, egal ob zu Fuß mit dem Rad ist doh fast der coolste Grund für Bewegung. Es gibt so viele Orte an die man immer will aber nie fährt weil man "die Zeit nicht hat". Nach Feierabend: fahrt doch einfach mal in den neuen Stadtteil (bei mir großes Bedürfnis mal nach HH-Wilhelmsburg zu düsen und neue Cafés auszuchecken). Neulich bin ich mit dem Fahrrad eine Teilstrecke nach Lübeck gefahren, habe Hasen, Vögel und Rehe gesehen und kam komplett beseelt an meinem Zielort an, weil ich so viele neue Dinge entdeckt habe.
Macht mit diesen Ideen und Gedanken jetzt was ihr wollt, aber vielleicht versprecht ihr mir (und euch natürlich) hier einmal kurz, dass ihr euch nicht mehr nur bewegt um irgendeinem Ideal zu entsprechen, sondern um all die Dinge tun zu können, die dem Leben gute und okaye Tage geben.
Damit dieser Beitrag hier nicht zu einem Roman wird, komme ich mal etwas kürzer und knackiger zum Schluss und gebe ich ein paar Sachen mit, die ich in den letzten Tagen noch ganz cool fand.
- Ich hab einen neuen Sehnsuchtsort: Rügen. Ja, diese Insel in der Ostsee die für FKK und Kreidefelsen bekannt ist. Ich sehne mich aber tatsächlich nach DDR Softeis, Campingplätzen und rauen Stränden. Und ich glaube dass es da mittlerweile auch echt ganz coole Orte gibt. (hier, hier oder hier zum Beispiel)

Die Kunst von Gary Bunt weckt in mir das Bedürfnis sofort meine Sachen zu packen und in ein Cottage irgendwo an der britischen Küste zu fahren.

- 2011 (was?) hat Adele dieses Tiny Desk Konzert gegeben. Das hab ich mir angeguckt, bin in Nostalgie versunken und habe mir wieder mal gedacht: How? Wie kann so viel Talent auf diesem Planeten existieren?
Und damit schließt sich der Kreis musikalisch und ich wünsche euch zumindest einen okayen Tag, egal wann und wo und in welcher Verfassung ihr euch diesen ewig langen Beitrag hier durchgelesen habt.
Mit freundlichen Grüßen
Juliane