Ganz schön bequem

Teilen
Ganz schön bequem

Long time, no read! Mein (unbequemer) Versuch hier wieder in einem Schreib-Flow zu kommen:

Gesichtsmasken, Undereye Pads, Flohsamenschalen, Chiapudding, Dry Brushing, Ölziehen, Yoga, Meditation, Räucherstäbchen. Gemüsesäfte, wenig Zucker, frische Luft, wenig Screen-Time. Manchmal auch ätherische Öle, Dampfbad, Sauna. Für diese Sammlung an Begriffen braucht es eigentlich nur ein Wort: Wellness. Und mit Wellness, also dem physischen wie auch psychischen Wohlbefinden, geht meist auch eine Routine einher. Das Internet ist voll von Routinen: Sportroutinen, Morgenroutinen, Abendroutinen, Routinen in Berlin und Hamburg und Stockholm und im 9-5 Job und in der Schule und im Alltag und im Urlaub und in der Beziehung und generell überall. Guilty myself, dass ich früher magisch angezogen wurde von dem Wort Routine. Wie machen das wohl andere Menschen, was machen sie, wenn sie von der Schule nach Hause kommen, was essen sie, wie bewegen sie sich und was kann ich davon übernehmen, damit mein Leben besser wird. Was auch immer ich mir davon erhofft habe, übernommen habe ich ehrlich gesagt keine dieser vermeintlich top durchdachten Abläufe wildfremder Menschen aus dem Internet. 

Ich bin überrascht, dass ich das Fass hier gerade wieder aufmache. Routinen und Wellness, braucht es dazu wirklich noch eine Meinung? Aber wenn es tausende Routinen im Internet gibt, dann darf es ja wohl auch noch eine Meinung mehr dazu geben.

Vor kurzem hatte ich also die Erkenntnis, dass Wellness nicht immer einer perfekten Routine folgen muss, sondern manchmal auch mit Mut und vermeintlicher Überwindung einhergeht. Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei mich zu fragen seit wann persönlich auferlegte Regeln, Grenzen und Routinen eigentlich wichtiger geworden sind als Wachstum, Abenteuer und für einander da zu sein? Warum fürchten sich manche Menschen davor, einfach mal mit dem Flow zu gehen, und dafür lieber früh ins Bett, um für ihre Morgenroutine rechtzeitig aufstehen zu können?

Wie gesagt, ich bin selber ein Opfer dieses Phänomens. Ich glaube nach der Pandemie, habe ich ein bisschen zu sehr darauf beharrt meinen „eigenen Frieden“ zu wahren. Sich mit Freund *innen auf einen Kaffee zu treffen und diese eine Party nicht zu verpassen, ist manchmal wichtiger, als um 6 Uhr morgens aufzustehen, um vor 9 Uhr 10.000 Schritte zu schaffen. 

Collage via Pinterest

Dieses Ausbrechen hat bei mir nicht nur einmal ungemeines Unbehagen ausgelöst. Manchmal möchte ich einfach nur Zuhause bleiben, mich nicht irgendwelchen Entscheidungen aussetzen. Oder all die Dinge aufholen, die während der Woche liegengeblieben sind. 

Aber wie wäre es, wenn ich auch mal Zeit damit verbringen würde, all die kreativen Hobbys wieder aufzunehmen, zu denen ich den Kontakt verloren habe. Zum Beispiel endlich das leere Skizzenbuch in die Hand zu nehmen, das schon so lange auf meinem Tisch liegt? Oder meinem Gehirn eine Pause vom Dopaminrausch beim Scrollen auf dem Handy zu gönnen und stattdessen ein fucking Buch in die Hand zu nehmen? Oder vielleicht endlich mal die Freunde zu treffen, von denen man immer sagt, dass man nie Zeit für sie hat, anstatt die Wohnung zu putzen, den Wocheneinkauf zu erledigen und manisch in Meal Prep zu versinken. 

Für diejenigen unter euch die mich kennen und das hier lesen wird es überraschend klingen, aber an dieser Stelle würde ich gerne Taylor Swift zitieren: “If you never bleed, you’re never gonna grow," singt sie in ihrem Song „the 1“. Das hat mich irgendwie gekriegt und ich finde es für diesen Kontext hier recht passend.

Bestes Beispiel zum Thema Ausbrechen: wenn ich Reisen gehe, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Ich überdenke nichts, ich handle Intuitiv. Ich lege meine versteiften Rituale von zuhause ab. Reisen gibt mir oft das Gefühl von „mich kann nichts mehr stoppen, wenn ich wieder komme dann wird alles anders, lockerer, besser. Dieses Gefühl nehm ich mit“ Warum nehme ich dieses Gefühl nicht einfach mal WIRKLICH mit in den Alltag?

Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage habe ich mir vorgenommen im Alltag öfter einfach mal den vermeintlich unbequemen, längeren, vielleicht aufregenderen und unsicheren Weg zu nehmen. Eine Station früher aus der Bahn zu steigen um einen neuen Ort zu erkunden, Nachts rausfahren um Sterne zu beobachten, bis 10 Uhr im Bett liegen bleiben, obwohl die vermeintlich wichtige To Do Liste abgearbeitet werden will. Ins Museum gehen und nicht nur davon reden, vor der Arbeit einen Kaffee in einem Café trinken gehen, Routinen verändern, ausprobieren und vielleicht auch wieder dahin zurück zu kehren. 

Ich habe eine Liste mit dem Titel „Die Kunst der Unbequemlichkeit“ erstellt. Auf der Liste stehen: 

Ein bisschen willkürlich, ich weiß. Aber es erfordert mehr Aufwand, diese Dinge zu genießen, als die einfacheren Alternativen. In den alltäglichen, flachen Schuhen kommst man vielleicht schneller voran, es ist einfacher, eine Zusammenfassung eines Artikels auf dem Handy abzurufen, als ihn tatsächlich in einer Zeitschrift zu lesen, es ist bequemer, den Vollautomaten zu benutzen, aber mit der Mokkakanne ist der Geschmack manchmal viel intensiver. Auf eine komische Art und Weise fühlt man sich erfüllter und befriedigter, wenn man diese unbequemeren Dinge im Alltag nutzt. 

In dieser Unbequemlichkeit liegt glaube ich ein riesiges Potenzial. Ich glaube, darin liegt die Qualität von Kreativität, weil sie, ähnlich wie Reisen, den Horizont erweitern und unser Gehirn abseits von Screentime und Dopaminüberfluss befriedigen. Ich möchte mit diesem Text in erster Linie glaube ich mich selber dazu ermutigen diese Extrtameile im Alltag zu gehen. Aber auch jede andere Person die es bis hier in geschafft hat: Macht’s euch unbequem und enjoy the ride. Danke, dass ihr meinem Tedtalk hier beigewohnt habt.

Mit unbequemen Grüßen

Juliane